Inneres Team in Aktion – ein konkretes Beispiel
Lisa steht vor einer beruflichen Weichenstellung: Sie hat ein Angebot für eine neue Stelle bekommen – aufregend, aber auch unsicher. Mit dem Aufstellungsraum schaut sie sich ihre inneren Anteile an und findet einen Schritt, hinter dem alle stehen. Ein Beispiel aus dem Coaching – zur Selbstklärung und Entscheidungsfindung.
Die Situation
Lisa ist seit drei Jahren in ihrem aktuellen Job. Die Arbeit ist sicher, das Team ist nett, aber sie spürt zunehmend Unruhe. Eine Freundin hat ihr eine Stelle in einem kleineren, dynamischeren Unternehmen empfohlen – mehr Verantwortung, mehr Kreativität, aber auch mehr Unsicherheit.
Seit Wochen kreisen ihre Gedanken. Mal sagt sie sich „Mach es!“, dann wieder „Bleib, wo du bist!“. Sie fühlt sich hin- und hergerissen und kommt nicht zur Klarheit. Das ist der perfekte Moment für das Innere Team.
Auftragsklärung – das konkrete Anliegen
Lisa formuliert ihr Anliegen für die Aufstellung in einem Satz, in der Gegenwart und so konkret wie möglich:
„Ich stehe vor der Entscheidung, ob ich eine neue berufliche Herausforderung annehme oder in meinem sicheren Job bleibe – und ich möchte einen Schritt finden, hinter dem mein ganzes Inneres Team steht.“
Das Thema ist klar abgegrenzt. Es geht nicht um „mein ganzes Leben“, sondern um diese eine konkrete Weichenstellung. Je präziser der Auftrag, desto deutlicher zeigen sich die relevanten inneren Anteile.
Die inneren Anteile
Lisa setzt sich in Ruhe hin und lässt alle Stimmen zu Wort kommen, die in ihr lebendig sind. Nach und nach kristallisieren sich vier zentrale Anteile heraus:
Die Sicherheitsliebende
Hinten links, kleinStimme: Was, wenn das neue Unternehmen scheitert? Du hast doch hier alles, was du brauchst.
Positive Absicht: Ich will Lisa vor finanzieller und emotionaler Unsicherheit schützen.
Befürchtung: Wenn sie springt und es schiefgeht, wird sie sich vorwerfen, sie hätte bleiben sollen.
Bedürfnis: Beständigkeit, Planbarkeit, kein unüberlegtes Risiko
Die Abenteuerlustige
Ganz vorne, großStimme: Endlich raus aus der Routine! Du bist jung, begabt – das ist deine Chance!
Positive Absicht: Ich will, dass Lisa wächst, sich entfaltet und ihr Potenzial lebt.
Befürchtung: Wenn sie jetzt nicht geht, verpasst sie den Moment und verharrt in der Bequemlichkeit.
Bedürfnis: Freiheit, Wachstum, Abenteuer, echte Herausforderung
Die Realistische Planerin
Mitte, mittelgroßStimme: Lass uns die Fakten anschauen: Gehalt, Arbeitsweg, Entwicklungsmöglichkeiten, Kündigungsfrist.
Positive Absicht: Ich will, dass Lisa eine fundierte, nicht emotionsgesteuerte Entscheidung trifft.
Befürchtung: Wenn sie nur auf Bauchgefühl hört, übersieht sie wichtige Details und bereut es später.
Bedürfnis: Übersicht, Zahlen, Vergleichsmöglichkeiten, klare Kriterien
Die Stille Zweiflerin
Weit hinten, sehr kleinStimme: ... (sagt kaum etwas, aber spürt eine leise Unbehaglichkeit)
Positive Absicht: Ich will, dass Lisa nicht nur auf das hört, was laut ist, sondern auch auf ihre innere Stimme.
Befürchtung: Wenn die lauten Stimmen alles überstimmen, verliert Lisa den Kontakt zu sich selbst.
Bedürfnis: Zeit, Rückzug, innere Stille, Vertrauen in die Intuition
Übrigens ist die Reihenfolge, in der sich die Anteile melden, selbst schon aussagekräftig: Wer sich zuerst zu Wort meldet, ist oft am lautesten – nicht unbedingt am wichtigsten. Und manchmal tauchen später noch leise „Spätmelder" auf. Sie kommen aus einer tieferen Schicht und sind gerade deshalb wertvoll. Es lohnt sich, ihnen bewusst Raum zu geben.
Auf der Bühne
Lisa bringt die vier Anteile auf die Bühne des Aufstellungsraums. Sie platziert sie intuitiv, ohne lange nachzudenken:
- 1Die Abenteuerlustige steht ganz vorne, groß und laut – sie drängt sich auf und will sofort loslegen.
- 2Die Sicherheitsliebende hat sich zurückgezogen, klein und leise. Sie ist da, aber kaum hörbar.
- 3Die Realistische Planerin steht mittig, ordentlich positioniert – sie beobachtet und wartet auf Daten.
- 4Die Stille Zweiflerin ist fast unsichtbar, ganz hinten in der Ecke. Lisa muss sich bewusst auf sie konzentrieren, um sie wahrzunehmen.
Beim Betrachten der Bühne wird Lisa selbst bewusst, wie sehr die Abenteuerlustige die anderen überstimmt. Die Sicherheitsliebende versteckt sich, die Stille Zweiflerin ist kaum präsent. Das ist keine ausgewogene Besetzung – und genau das spiegelt ihr aktuelles inneres Gefühl wider.
„Wer sitzt ganz vorne? Wer wird in die Ecke gedrängt? Wer fehlt vielleicht ganz?“
Der Team-Kompass – der runde Tisch
Lisa öffnet den Team-Kompass. Als Oberhaupt ihres Inneren Teams lädt sie alle vier Anteile an einen runden Tisch ein. Sie hört jedem zu, ohne zu werten oder zu unterbrechen:
Das Gespräch am runden Tisch
Lisa: „Danke, dass ihr alle da seid. Wir haben ein Angebot für eine neue Stelle – und ich möchte einen Weg finden, der für uns alle stimmig ist. Ich höre euch jetzt bewusst zu, eine nach der anderen.“
Die Abenteuerlustige: „Ich sage es euch: Dies ist unsere Chance! Wir sind seit drei Jahren im gleichen Trott. Wenn wir jetzt nicht springen, wann dann?“
Die Sicherheitsliebende: „Aber was, wenn das neue Unternehmen in ein paar Monaten pleitegeht? Wir haben hier Sicherheit, Kollegen, Routine. Das ist auch wertvoll.“
Die Realistische Planerin: „Könnten wir nicht beides vereinen? Ich schlage vor: Wir sammeln alle Fakten zu beiden Optionen – Gehalt, Arbeitszeit, Entwicklung, Kündigungsfrist, Arbeitsweg. Dann entscheiden wir auf Basis von Daten, nicht nur von Gefühl.“
Die Stille Zweiflerin: „...ich merke, dass die Abenteuerlustige sehr laut ist. Ich frage mich: Will Lisa wirklich wechseln – oder will sie nur etwas beweisen? Vielleicht ist das ein guter Moment, um nicht zu springen, sondern erstmal zu verstehen, was sie wirklich braucht.“
Durch das bewusste Zuhören erkennt Lisa: Es geht nicht um „Springen oder Nicht-Springen“. Die Sicherheitsliebende braucht eine Rückfallposition. Die Abenteuerlustige braucht Bewegung. Die Realistische Planerin braucht Daten. Und die Stille Zweiflerin braucht Zeit.
Erster Schritt – konkret und stimmig
Am Ende der Aufstellung formuliert Lisa einen ersten Schritt, der von allen Anteilen getragen wird:
„In den nächsten zwei Wochen sammle ich systematisch alle Informationen über beide Optionen. Ich bespreche mich mit zwei Menschen, die den Arbeitgeber kennen. Erst danach treffe ich die Entscheidung – und zwar schriftlich, mit klaren Kriterien, die ich vorher festlege. Egal wie ich mich entscheide: Ich gebe mir ein Jahr Zeit, die Entscheidung zu beobachten, ohne sie sofort infrage zu stellen.“
Was macht diesen Schritt stimmig?
- 1Die Abenteuerlustige bekommt Bewegung: Es passiert etwas, es wird aktiv recherchiert.
- 2Die Sicherheitsliebende bekommt Zeit und einen Plan: Keine übereilte Entscheidung, sondern zwei Wochen strukturierte Recherche.
- 3Die Realistische Planerin bekommt Daten: Systematische Sammlung von Fakten und schriftliche Kriterien.
- 4Die Stille Zweiflerin bekommt Raum: Ein Jahr Beobachtungszeit, ohne sofort zu zweifeln – Vertrauen in den Prozess.
Doppelte Stimmigkeit
Schulz von Thun beschreibt das eigentliche Ziel als „doppelte Stimmigkeit": Ein Schritt ist dann wirklich tragfähig, wenn er nicht nur nach innen passt – also alle Anteile mitnimmt –, sondern auch nach außen: zu den realen Anforderungen der Situation (Fristen, Zahlen, das reale Angebot). Lisas Schritt erfüllt beides.
Coaching – und ausdrücklich keine Therapie
Wichtiger Hinweis zur Ausrichtung dieser App
Diese App und die hier genutzte Methode des «Inneren Teams» wurden gezielt für die Bereiche Coaching, Kommunikation und die Lösung von Entscheidungsfragen entwickelt.
Als Faustregel gilt: Coaching arbeitet an konkreten Anliegen und Zielen im Hier und Jetzt. Wo es um die Heilung von tieferliegenden Verletzungen der Vergangenheit oder psychischen Erkrankungen geht, beginnt der Bereich der Psychotherapie.
Was bedeutet das für die Nutzung?
- Fokus: Wir strukturieren das Hier und Jetzt, um Klarheit für anstehende Schritte zu gewinnen. Wir betreiben keine therapeutische Ursachenforschung.
- Voraussetzung: Die Nutzung setzt eine normale psychische Belastbarkeit und Selbststeuerungsfähigkeit der Klienten voraus.
- Therapeutische Anwendung: Ausgebildete Psychotherapeutinnen und -therapeuten dürfen diese App selbstverständlich gerne in ihrem Kontext nutzen. Die Verantwortung für die Abgrenzung und die fachgerechte Indikation liegt jedoch in jedem Fall vollumfänglich bei den anwendenden Fachpersonen.
Möchtest du dein eigenes Inneres Team aufstellen?
Lisa hat gezeigt: Mit dem Aufstellungsraum wird das Unsichtbare sichtbar. Stell auch du deine inneren Anteile auf und finde Klarheit bei deinem nächsten Anliegen.